Gedenkstätte für Flüchtlingsopfer in Arsten

Gedenkstätte für Menschen, die auf der Flucht nach Europa umgekommen sind

 Einen Bericht zur Einweihung des Gedenksteins am 3. Juni 2018 finden Sie hier

 


 

Einweihung der Gedenkstätte für Flüchtlingsopfer

Gedenkstätte

Gedenktafel für tote Flüchtlinge
Kirchengemeinde St. Johannes in Arsten weiht deutschlandweit erste Gedenkstätte ein – Aufruf zu mehr Menschlichkeit


Ex-Imam Bilal Güney sprach ein islamisches Totengebet, das Duo Daf (links) spielte ein Friedenslied aus Aserbaidschan.

Bremen. Eine Gedenkstätte für all jene Menschen, die vor Krieg, Not und Verfolgung geflohen und auf dem Weg nach Europa ihr Leben verloren haben, hat die Kirchengemeinde St. Johannes am Sonntag in Arsten enthüllt. Nach Angaben der evangelischen Kirche ist es deutschlandweit die erste Gedenkstätte dieser Art. Mit der Einweihung habe die Kirchengemeinde überregional ein wichtiges Zeichen für mehr Menschlichkeit gesetzt, so die Vizepräsidentin der Bremischen Bürgerschaft, Sülmez Dogan.

Wie Kirchensprecherin Sabine Hatscher mitteilt, sind auf dem Weg nach Europa allein seit 2008 bis zu 45 000 Menschen im Mittelmeer ertrunken. Weitere 20 000 Todesopfer habe die Durchquerung der Sahara gefordert. Die bronzene Gedenktafel des Bremer Künstlers Klaus Effern erinnert an die Wellen des Meeres und die Sanddünen der Wüsten. In großen Lettern ist auf dem Relief zu lesen: „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen...“.

Den Anstoß, eine solche Gedenkstätte zu schaffen, hatte der Arbeitskreis Asyl der St. Johannesgemeinde gegeben. Dessen Mitglieder engagieren sich seit 26 Jahren für Flüchtlinge. Eine Jury hatte Efferns Entwurf im Rahmen eines Künstler-Wettbewerbs der Kirchengemeinde und des Kultursenators ausgewählt. Das 24 000 Euro teure Mahnmal ist nach Angaben der St. Johannesgemeinde komplett mit Spenden finanziert worden – auch aus den Töpfen der Landeskirche und der Evangelischen Kirche in Deutschland. Die Schirmherrschaft hat der ehemalige Bremer Bürgermeister Henning Scherf übernommen. 

Im Gottesdienst war das große Thema die Barmherzigkeit. Jürgen Micksch, Theologe und Gründer der Hilfsorganisation Pro Asyl, warnte in seiner Predigt vor dem erstarkenden Nationalismus in Europa und einer hasserfüllten Atmosphäre. Micksch: „Es muss aufhören, dass Europa seine Grenzen schützt und nicht die Flüchtlinge.“ Es dürfe nicht sein, dass jene, die Flüchtlingen helfen, kriminalisiert würden – wie zum Beispiel die Seenotretter. „Seenotrettung ist ein Menschenrecht. Wer das verhindert, begeht ein Verbrechen“, monierte Micksch, der in Deutschland und Europa eine zunehmend menschenfeindliche Stimmung ausmacht. Diese manifestiere sich auch darin, dass der Tod von Geflüchteten von vielen einfach so hingenommen werde. Außerdem habe es 2017 in Deutschland mehr als 2000 Handgreiflichkeiten gegenüber Flüchtlingen gegeben und über 1500 antisemitische Angriffe. „Das hat es vor 30 Jahren so noch nicht gegeben“, so Micksch.

Botschafter von Veränderung

Menschen, die in die Länder der Europäischen Union flüchten, sind nach Ansicht Mickschs Botschafter von Veränderung: „Sie geben den Impuls für die Wiederbelebung von Werten wie Solidarität, Zuwendung und Mitgefühl.“ Ihr Kommen könne die Ehrfurcht vor dem Leben, der Liebe und der Hoffnung neu beleben. Das Denkmal in Arsten trage dazu bei, Flüchtlinge anders zu sehen: „Sie sind keine Belastung, sie sind eine Bereicherung“, betonte Micksch und regte an, dem Volkstrauertag eine neue Dimension zu geben: „Wir sollten nicht nur an die Toten früherer Generationen denken, sondern auch an die jetzt Sterbenden.“ Dazu gehörten auch jene muslimischen Glaubens: „Muslime gehören zu unserem Volk und deshalb auch zu unserem Volkstrauertag“, sagte der Theologe aus Darmstadt.

In einer bewegenden Videobotschaft bedankte sich der einst geflüchtete Afghane Mohammadi Naiem, der seit 16 Jahren ertrunkene Flüchtlinge auf der griechischen Insel Lesbos beerdigt, für die neue Gedenkstätte. Sie helfe den Angehörigen der Opfer beim Abschied nehmen. Der Arster Pastor Christian Schulken indes erinnerte an eine moralische Verpflichtung: „Diese Menschen wollten zu uns. Damit sind sie auch unsere Toten.“ Sich um diese Toten zu kümmern, ihnen ein würdiges Andenken zu geben, dafür sei die neue Gedenkstätte da. Schulken rief zu mehr Mitgefühl und Fürsorge auf. Die St. Johanneskirche war an diesem Tag restlos besetzt. Rund 200 Menschen verfolgten den Gottesdienst. In den Kirchenbänken saßen Christen neben Muslimen und Atheisten, Geflüchtete neben Bremern.


Sowohl der Vizepräsident der Bremischen Evangelischen Kirche, Lutz Wedemeyer, als auch Sülmez Dogan von der Bremischen Bürgerschaft würdigten das Engagement der Kirchengemeinde in der Flüchtlingsarbeit. Die neue Gedenkstätte zeige einmal mehr, dass Bremen eine weltoffene Stadt sei – erinnere aber auch daran, dass immer noch täglich Menschen auf dem Weg in ein besseres Leben sterben, so Dogan. „Wir alle müssen dafür werben, dass das Sterben in der Wüste und im Mittelmeer endlich beendet wird.“

Anschließend zitierte Bilal Güney vom Vorstand der Islamischen Förderation Bremen aus dem Koran: „Allah ist mit den Geduldigen...“

(Weser Kurier vom 4. Juni 2018, Seite 11)

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